Warum deine Muskeln wie ein inneres Medikament wirken

 

Muskeln sind mehr als nur Bewegung

 

 

Viele Menschen denken bei Muskeln zuerst an Kraft, Ästhetik oder Sportlichkeit.

Doch moderne Forschung zeigt:

 

Muskeln sind ein hormonell aktives Organ. Mit jeder Muskelkontraktion produziert dein Körper körpereigene Botenstoffe, die mit deinem Gehirn, deinen Knochen, deiner Leber, deinem Fettgewebe, deinem Immunsystem und wahrscheinlich sogar mit deinen Krebsabwehrmechanismen kommunizieren. 

 

Sobald wir sie aktivieren – insbesondere durch Krafttraining – setzen sie sogenannte Myokine frei.

Das sind Botenstoffe, die im gesamten Körper wirken.

 

Diese Erkenntnis hat in den letzten 15 Jahren das Verständnis von Bewegung grundlegend verändert. Da die Produktion vieler Muskelproteine direkt von der Muskelkontraktion abhängt, führt körperliche Inaktivität vermutlich zu einer veränderten Ausschüttung von Myokinen. Dies könnte ein wichtiger Mechanismus sein, der erklärt, warum langes Sitzen und Bewegungsmangel mit zahlreichen chronischen Erkrankungen in Zusammenhang stehen.

 

 

Was sind Myokine?  

Eine Muskelkontraktion ist für den Körper ein Signal:

“Es wird Energie benötigt. Der Organismus muss sich anpassen.”

Daraufhin beginnt die Muskulatur, Dutzende bis Hunderte verschiedener Botenstoffe auszuschütten.

Nicht jeder Muskel produziert dieselben Stoffe.

Nicht jede Trainingsform erzeugt dieselbe Mischung.

Je nach Intensität, Dauer und Trainingsart verändert sich das ausgeschüttete Myokinprofil.

Das ist vergleichbar mit einem Orchester:

Nicht immer spielen dieselben Instrumente – je nach Situation entsteht eine andere Melodie.

 

Der Muskel kommuniziert mit …

1. Fettgewebe

Das ist vermutlich die wichtigste Kommunikation.

Myokine können

  • die Fettverbrennung steigern,
  • die Bildung von braunem Fett fördern,
  • die Insulinsensitivität verbessern,
  • Entzündungen im Fettgewebe reduzieren.

Besonders wichtig ist hier Irisin.

Irisin kann weiße Fettzellen teilweise in braunfettähnliche Zellen umwandeln.

Braunes Fett verbrennt Energie, anstatt sie zu speichern.

 

2. Leber

Während einer Belastung benötigt der Körper Glukose.

IL-6 signalisiert der Leber:

“Bitte stelle mehr Energie bereit.”

Die Leber bildet Glukose neu, gibt Glykogen frei, hält den Blutzucker stabil.

Dadurch kann die Muskulatur weiterarbeiten.

 

3. Bauchspeicheldrüse

Hier wird es besonders spannend.

Mehrere Myokine scheinen

  • die Insulinproduktion,
  • die Funktion der Beta-Zellen,
  • die Glukosekontrolle

positiv zu beeinflussen.

Der Artikel betont, dass dieses Forschungsgebiet noch relativ jung ist.

 

4. Gehirn

Das ist einer meiner Lieblingsabschnitte.

Muskelkontraktionen erhöhen unter anderem BDNF.

BDNF wird oft als “Dünger für das Gehirn” bezeichnet.

Es unterstützt:

  • die Bildung neuer Nervenzellen,
  • die Lernfähigkeit,
  • das Gedächtnis,
  • die Konzentration,
  • die Stimmung.

Deshalb verbessert regelmäßige Bewegung nachweislich die Gehirnfunktion.

 

5. Knochen

Muskeln sprechen direkt mit den Knochen. Bestimmte Myokine stimulieren Osteoblasten,

fördern die Knochenneubildung, verbessern die Knochengesundheit. Deshalb ist Krafttraining ein wichtiger Bestandteil der Osteoporoseprävention. Es wirkt nicht nur mechanisch über Zugkräfte auf den Knochen, sondern auch biochemisch über Myokine.

 

6. Blutgefäße

Einige Myokine verbessern die Funktion des Endothels.

Dadurch erweitern sich Gefäße besser, sinkt der Blutdruck,

verbessert sich die Durchblutung.

Das erklärt einen Teil der herzschützenden Wirkung regelmäßiger Bewegung.

 

7. Immunsystem

Früher glaubte man: Sport löst Entzündungen aus.

Heute weiß man: Während des Trainings steigt zwar IL-6 an, doch anschließend werden entzündungshemmende Prozesse aktiviert.

Regelmäßige Bewegung senkt dadurch langfristig chronische, niedriggradige Entzündungen – ein wichtiger Faktor bei Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Adipositas.

 

8. Krebs

Das ist noch ein relativ neues Forschungsgebiet.

Der Artikel beschreibt Hinweise darauf, dass Muskelzellen Stoffe freisetzen, die:

  • das Wachstum bestimmter Krebszellen bremsen,
  • die Tumorumgebung beeinflussen,
  • das Immunsystem bei der Krebsabwehr unterstützen könnten.

Welche Myokine dafür genau verantwortlich sind, wird noch intensiv erforscht.

 

Das Zusammenspiel mit anderen Organen

Ein besonders spannender Gedanke des Artikels ist:

Nicht nur Muskeln senden Signale.

Auch andere Organe schicken Botenstoffe zurück.

Zum Beispiel:

Fettgewebe produziert Adipokine.

Knochen produzieren Osteokine.

Die Leber produziert Hepatokine.

Das Herz produziert Cardiokine.

Der Körper ist also kein System isolierter Organe, sondern ein Netzwerk ständiger Kommunikation.

 

Warum Sitzen so schädlich ist

Ein Satz des Artikels hat große Bedeutung:

Viele Myokine werden nur dann ausgeschüttet, wenn sich Muskeln zusammenziehen.

Das bedeutet: Wenn wir stundenlang sitzen, fehlen diese Signale.

Es geht also nicht nur darum, dass wir weniger Kalorien verbrennen.

Es fehlen buchstäblich wichtige “Gespräche” zwischen Muskeln und den übrigen Organen.

Das neue Verständnis von Bewegung

Die Autoren schlagen vor, Bewegung nicht mehr nur als Mittel zum Kalorienverbrauch oder Muskelaufbau zu sehen.

Vielmehr ist sie ein biologischer Kommunikationsprozess.

Mit jeder Muskelkontraktion wird eine Kaskade von Signalen ausgelöst, die nahezu jedes Organ beeinflusst.

Was das für Frauen ab 40 bedeutet

Gerade für dein StrongHER-Programm finde ich diese Perspektive besonders wertvoll. Frauen verlieren mit zunehmendem Alter Muskelmasse (Sarkopenie), wenn sie dem nicht aktiv entgegenwirken. Weniger Muskulatur bedeutet aber nicht nur weniger Kraft, sondern möglicherweise auch eine geringere Fähigkeit, gesundheitsfördernde Myokine freizusetzen.

 

Krafttraining erhält daher nicht nur die Muskulatur, sondern unterstützt vermutlich auch die Kommunikation zwischen Muskel, Gehirn, Knochen, Fettgewebe und Stoffwechsel. Das könnte erklären, warum regelmäßiges Krafttraining gleichzeitig das Risiko für Osteoporose, Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und funktionelle Einschränkungen im Alter senken kann.

HIIT – möglicherweise der “Myokin-Booster”

Hochintensives Intervalltraining (HIIT) scheint besonders viele verschiedene Myokine gleichzeitig anzuregen, weil dabei:

  • große Muskelmassen arbeiten,
  • eine hohe Stoffwechselbelastung entsteht,
  • viele Muskelfasern aktiviert werden.

Viele Forschende vermuten deshalb, dass HIIT – zumindest bezogen auf die Myokinantwort – besonders effektiv sein könnte. Allerdings ist die Studienlage noch nicht abschließend.

 

Was sagen die neuesten Studien?

Die Forschung geht inzwischen sogar davon aus, dass die Muskelmasse selbst entscheidend ist. Je mehr aktive Muskulatur du besitzt und je mehr davon während des Trainings eingesetzt wird, desto größer ist die “endokrine Fabrik”, die Myokine produzieren kann.

Deshalb empfehlen viele Forschende heute eine Kombination aus:

 

  1. 2–3 intensive Krafttrainings pro Woche – für Muskelmasse, Knochen und anabole Myokine.
  2. 2–4 Ausdauereinheiten – besonders Zone-2-Training oder gelegentlich HIIT für Stoffwechsel, Herz-Kreislauf-System und andere Myokine.
  3. Tägliche Bewegung, denn auch jede Muskelkontraktion trägt zur Myokinproduktion bei.

Was passiert beim Yoga oder Pilates?

Auch hier werden Myokine ausgeschüttet, allerdings meist in geringerem Umfang als bei intensivem Kraft- oder Ausdauertraining.

Das bedeutet aber nicht, dass Yoga oder Pilates “schlecht” sind. Sie wirken über andere Mechanismen:

  • Senkung von Stresshormonen,
  • Verbesserung der Beweglichkeit,
  • Aktivierung des parasympathischen Nervensystems,
  • bessere Schlafqualität,
  • langfristig ebenfalls positive Effekte auf den Stoffwechsel.

Jede Muskelkontraktion ist eine biochemische Botschaft an den gesamten Körper.